Projekt GmbHArchitekten

Rathaus Lüneburg Glasfußboden

Kategorie
Denkmalpflege
Fertigstellung
2007
Bauherr
Stadt Lüneburg
Baukosten
70.000 €
Leistungsumfang
LP 1-8, Objektplanung, Tragwerksplanung

Rathaus Lüneburg: der Glasfußboden der Gerichtslaube

Als Gerichtslaube wird ein Gebäudeteil des Lüneburger Rathauses bezeichnet, der in seiner heutigen Größe um die Mitte des 14. Jahrhunderts entstand. Der zwei- geschossige Backsteinbau befindet sich heute etwa in der Mitte des Rathausensembles und ist einer seiner ältesten und kulturhistorisch wichtigsten Teile. Die Gerichtslaube im engeren Sinn ist der ehemalige Ratssaal im ersten Obergeschoss. Die Wände und das Tonnengewölbe des Raums zeigen prachtvolle Malereien des 16. Jahrhunderts; gleichfalls aus dem 16. Jahrhundert stammen das Ratsgestühl und die Wandschränke – die sogenannten Schenkeschieven – in denen ehemals das Ratssilber aufbewahrt wurde.

Der Fußboden aus dem 14. Jahrhundert ist in Deutschland für seine Zeit einzigartig. Er ist aus sechseckigen Grundelementen zusammengesetzt, die wiederum aus drei Teilen bestehen: zwei rautenförmigen Tonfliesen, die eine braun glasiert und die andere ziegelrot ohne Glasur, und einem Quadrat aus weißem Gipsestrich mit eingelegten blaugrauen Löwen und Vierpässen. Das Bodenmuster erzeugt den dreidimensionalen Eindruck kleiner Quader.

Die Gerichtslaube ist, wie auch die angrenzenden Räume Altes Archiv und Alte Kanzlei, Teil des museal genutzten Alten Rathauses. Der durch die Besucherstrome stark beanspruchte Fußboden zeigte zunehmend Schäden, obwohl die begehbaren Bereiche durch Sisalläufer geschützt waren. Die nur noch in Teilen vorhandene Glasur der Fliesen wurde weiter abgenutzt; den größten Schaden erlitten die Schmuckelemente aus Gipsestrich. Gleichzeitig schränkten die Läufer die Besichtigung des wertvollen Fußbodens ein.

Wir suchten einen Weg, den historischen Fußboden zu schützten und gleichzeitig die Begehung und Besichtigung zu ermöglichen. Der Boden sollte, wie der gesamte Raum, angemessen beleuchtet werden. Die Wandflächen waren ebenfalls vor einer Berührung durch die Besucher zu schützen. Jede Maßnahme musste reversibel sein, um die historische Substanz nicht anzugreifen.

Die Lösung besteht in einer etwa fünfzehn Zentimeter hohe Plattform mit einem Glasboden, durch den der beleuchtete Fliesenboden der Gerichtslaube besichtigt werden kann. Ihre Grundfläche von 32 qm entspricht der Fläche, die sich für Führungen bewährt hat. Der verglaste System-Doppelboden ist aus Rechteckelementen von 525x615 mm zusammengesetzt, deren Größe sich vom Raster des historischen Fußbodens ableitet. Der Glasboden wurde an diesem Raster ausgerichtet; dafür hatten wir ein verformungsgerechtes Aufmaß des Fußbodens erstellt.

Die Rahmen der Unterkonstruktion tragen filigrane Niedervoltschienen mit Minilampen zur Beleuchtung des Fliesenbodens. Auch für die Beleuchtung der Wände wurden Leuchten an der Unterkonstruktion des Glasbodens angeordnet (Lichtkonzept: Walter König, Bardowick). Die Plattform ist von einem Metallgeländer umgeben. Es dient nicht nur der Absperrung, sondern unterstützt die Besucher auch bei der Betrachtung der Malerei im Tonnengewölbe. Von der Plattform aus kann durch eine historische Holztür das Alte Archiv besichtigt werden.

Die Füße des Glasbodens dürfen keine Schäden auf dem historischen Boden verursachen. Der Untergrund weist jedoch Höhenversprünge, Schräglagen und Fehlstellen auf. Sie stehen (von unten) auf einer 3 mm starken Wollfilzunterlage. Darauf wurden Unebenheiten mit Eichenholzplättchen ausgeglichen. Feinere Unebenheiten wurden mit Bleiwolle ausgestopft. Ein Elastomerauflager gleicht Rest-Unebenheiten aus und nimmt Schwingungen auf. Ein Sieb an den Rändern des Glasbodens verhindert weitgehend die Verschmutzung des Raums zwischen Glas und Fliesen, stellt aber die Belüftung sicher. Der Zugang zur Plattform - in den Bildern hinter der Säule mit den zwei Segmentbögen - musste ebenerdig sein. Hier haben wir Läufer aus Linoleum vorgesehen. Sie wurden auf einer Wiederaufnahmeunterlage verklebt, die auf einer Wollfilzlage liegt. Auch dieser Zugang wurde mit einem Metallgeländer eingefasst.

Mit der Glasboden-Plattform haben wir eine zeitgemäße Museumslösung geschaffen, die alle technischen Anforderungen erfüllt, zurückhaltend gestaltet ist und sich erkennbar von der historischen Einrichtung unterscheidet. Das Betreten ist für die Besucher ein kleines Erlebnis, bevor sie sich dem großen Erlebnis widmen: der Betrachtung von siebenhundert Jahren Geschichte, von der sie in allen Richtungen umgeben sind, oben und unten eingeschlossen.